Sonntagswort | 1. Fastensonntag A | 26.02.2023

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Bischof Dr. Gebhard Fürst

Hirtenbrief

an die Gemeinden der Diözese Rottenburg-Stuttgart zur österlichen Bußzeit 2023
1. Fastensonntag: 26. Februar 2023

Der Synodale Weg und die Vision einer bewohnbaren Kirche


Audioversion – von Bischof Fürst gesprochen: FASTENHIRTENBRIEF 2023 | Audiofassung (9,41 MB)


 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Am Beginn der österlichen Bußzeit möchte ich den Synodalen Weg bei uns in der Katholischen Kirche in Deutschland und weltweit zum Anlass nehmen, Ihnen meine Vision einer bewohnbaren Kirche vorzustellen.

 

Der Synodale Weg der Katholischen Kirche in Deutschland wird vom 9. bis 11. März mit der fünften Vollversammlung in Frankfurt zu Ende gehen. Seine beachtlichen Ergebnisse werden einmünden in den Synodalen Weg der Weltkirche, der bereits mit einer großen synodalen Veranstaltung vom 5. bis 12. Februar 2023 in Prag eröffnet wurde.
Liebe Schwestern und Brüder, weder unser Synodaler Weg noch der weltkirchliche Synodale Weg geschehen um ihrer selbst willen. Reform und Erneuerung in den Strukturen und im geistlichen Leben der Kirche als Volk Gottes sind das Ziel des Weges.

 

Bereits im Jahr 2010 schrieb der verstorbene Papst Benedikt XVI. nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals an die Kirche von Irland: „Für die Bewältigung der gegenwärtigen Krise sind Maßnahmen, die gerecht mit individuellem Unrecht umgehen, unerlässlich, aber allein für sich sind sie nicht ausreichend: Wir brauchen eine neue Vision, um zukünftige Generationen zu inspirieren, das Geschenk unseres gemein- samen Glaubens zu schätzen.“ Diese Worte hören sich an als seien sie für uns heute geschrieben.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

als inspirierenden Beitrag zu einer solchen neuen Vision verstehe ich meinen diesjährigen Brief an Sie zur österlichen Bußzeit.
Wegweisende Worte für die Vision einer Kirche von heute und morgen stehen in dem Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Grundausrichtung der Seelsorge, ja aller Pastoral. Diese wegweisenden Worte lauten: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“ (Gaudium et Spes 1).
Die Tiefe dieser Aussagen und ihre Bedeutung für uns selbst haben wir bis heute für unser Zusammenleben als Kirche noch nicht ausgeschöpft. Was bedeutet es für uns heute Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, besonders der Armen und Bedrängten aller Art als Kirche aufzunehmen?

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

schauen Sie auf sich selbst. Wagen Sie einen Blick in Ihr Herz und Ihre Seele: Worüber freuen Sie sich heute? Was sind Ihre Hoffnungen? Wonach sehnen Sie sich? Worüber sind Sie traurig? Was schmerzt Sie und hat Sie verletzt? Was erfüllt Sie mit Sorge, ja mit Angst – heute in diesen unseren gegenwärtig so turbulenten Zeiten?
Unsere „Freude und Hoffnung, unsere Trauer und Angst“ wissen wir als glaubende Menschen in Gott geborgen. Wir sind uns als Glaubende gewiss, dass wir mit unserer Hoffnung, Trauer und Angst, ja in allen persönlichen, existentiellen Dimensionen des Lebens nicht alleingelassen sind. Niemand ist allein mit seiner Angst, nicht auf dem rechten Weg zu sein, sich zu verirren oder verlassen zu werden. Wir sind nicht alleingelassen mit unserer Angst, unterzugehen im Chaos des eigenen Lebens oder in dem, was um uns herum geschieht.
Wo wir uns in Gott beheimatet fühlen, da muss uns nicht mehr um uns selbst bange sein. Wir können vielmehr aus uns herausgehen und uns kümmern um Andere in all ihren Ängsten, Sorgen und Verlorenheiten: um die Armen und Bedrückten aller Art, von denen der eingangs zitierte Text des Konzils in besonderer Weise spricht.

Wo wir im Glauben an Gott, unserem Schutz und Beistand, verwurzelt sind, da können wir als Jüngerinnen und Jünger Christi „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aler Art“, sehen, annehmen und aufnehmen. Denn es gibt für uns von Gott Gehaltene nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in unseren Herzen seinen Widerhall fände! (Vgl. GS 1)

 

Wo wir uns so als gottglaubende Menschen, als gottglaubende Gemeinschaft von Gläubigen, geliebt wissen und andere Menschen in all ihren Sorgen, Ängsten und Verlorenheiten wirklich annehmen.

 

Wo wir sie in uns und unter uns geborgen sein lassen und uns um sie kümmern, da können wir selbst für suchende, oft haltlose Menschen zum erfahrbaren Abbild des guten liebenden Gottes werden!

 

Wo wir als Kirche ein solch lebendiger Ort des Eingeborgenseins in Gott und des Eingeborgenseins von Menschen in ihrer seelischen und leiblichen Not werden oder sind, da wird aus Kirche eine erfahrbare Oase des Lebens voller Hoffnung und Zuversicht. Aus einer solchen von Hoffnung geprägten Glaubensgemeinschaft können wir alle Kraft und Mut schöpfen, um anderen an der geschöpften Kraft Anteil zu geben durch menschliche Gesten und heilsame Taten der Liebe. Dann sind wir eine diakonische Kirche, eine den Menschen dienende Kirche, in welcher der gute, der heilende und rettende Gott erfahrbaren Raum gewinnt. Das ist meine Vision von Kirche-Sein heute und morgen.

Deshalb verspreche ich mir von einer geistlichen und realen Erneuerung der Katholischen Kirche in Deutschland ebenso wie in unserer Diözese mit ihren Kirchengemeinden, ihren kirchlichen Gemeinschaften und Einrichtungen, dass unsere Kirche an vielen Orten für viele unterschiedliche Menschen bewohnbar bleibt und wird. Alle Erneuerungsprozesse haben im Letzten das Ziel, Kirche so lebendig zu gestalten, dass sie für heimatlos gewordene, suchende Menschen ein Zuhause bietet.

 

Meine Vision ist deshalb eine Kirche, in deren Gemeinschaft die Sinnsuchenden Sinn finden, die Verängstigten und Verunsicherten wieder Mut und Hoffnung schöpfen. Ziel unserer Initiativen und Erneuerungen muss es sein, Kirchengemeinden als geistlich lebendige Räume zu stärken, in denen und an denen das heilsame Evangelium Jesu Christi wirklich erlebbar wird: dass Menschen sich in der Gemeinschaft der Mitglaubenden angenommen wissen, dass sie zur Ruhe kommen und Ruhe finden können.

 

Meine Vision ist eine Kirche, die sich insbesondere „der Armen und Bedrängten aller Art“ annimmt. – Meine Vision ist eine Kirche, die als diakonisch-karitative Kirche handelt, die zu den Menschen geht und ihnen beisteht, wo sie des Beistands bedürfen. – Meine Vision ist eine Kirche, die heilend wirkt, wo Menschen verletzt und gedemütigt werden.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

wir alle, die getauft sind auf den Geist Jesu Christi, werden hierzu gebraucht. Wir alle in den unterschiedlichen Verantwortlichkeiten, in den Diensten und Ämtern ebenso wie in unseren Ehrenämtern sind Werkzeuge des Gottes-Geistes in dieser Zeit zum Heil der Menschen.
Die österliche Bußzeit möge für uns alle in diesem Sinne eine Zeit der Besinnung und der Umkehr sein.

 

Österliche Christinnen und Christen teilen Freude und Hoffnung, Trauer und Angst untereinander – besonders mit den Armen und Bedrängten aller Art.

 

Rottenburg am 2. Februar,
Fest der Darstellung des Herrn.

Bischof

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